Drei Fragen an...
Jürgen F. Ephan, REMONDIS Recycling

Jürgen F. Ephan ist Geschäftsführer bei REMONDIS Recycling. Das Recyclingunternehmen ist Spezialist für die Aufbereitung von Glas und Kunststoffen. Ein wesentlicher Schwerpunkt des Leistungsspektrums liegt im Bereich der Verpackungsabfälle. In seiner Funktion setzt sich Ephan u. a. dafür ein, das chemische Recycling von Kunststoffabfällen voranzubringen.

Die Kreislaufführung von Kohlenstoff bewirkt effektiv eine Einsparung von Primärrohstoffen und trägt maßgeblich zur Defossilierung der chemischen Industrie bei. Chemische Recyclingverfahren könnten dabei einen vielversprechenden Beitrag leisten, fristen jedoch bislang ein Nischendasein. Wie schätzen Sie die Rolle dieser Verfahren beim Erreichen der Treibhausgasneutralität ein?

In Zukunft werden wir immer mehr Materialien produzieren und verbrauchen. Nicht nur Beton, Stahl oder Aluminium – nein, auch Kunststoffe. Diese sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken und machen es u. a. möglich, dass Autos so leicht sein können, wie sie es heute sind. Außerdem spielen beispielsweise biologisch abbaubare Polymere in der Medizin heute eine wichtige Rolle.
Führen wir uns nun vor Augen, dass alle Plastikmaterialien fossile Kohlenstoff-Atome enthalten, so müssen wir uns die Frage stellen, wo diese am Ende ihres Produktlebenszyklus landen. Entweder werden die erfassten Mengen an Altkunststoff in Deutschland (6,28 Mio. Tonnen in 2019) nach dem aktuellen Stand der Technik im Kreislauf geführt und mechanisch recycelt (46,6 Prozent) oder sie gelangen über Umwege in eine Müll- oder Mitverbrennungsanlage (53,6 Prozent) und werden dort als Kohlenstoffdioxid in die Atmosphäre emittiert.1 Unter sorgfältiger Beachtung von Ökobilanzen (auch Life Cycle Assessments) wird das chemische Kunststoffrecycling eine durchaus sinnvolle Ergänzung zu den genannten Wegen darstellen und die chemische Industrie mit Sekundärrohstoffen beliefern können.

Im aktuellen Koalitionsvertrag wurde festgelegt, chemische Recyclingverfahren optional zu werkstofflichen Verfahren in der Abfallhierarchie zu berücksichtigen. Ist aus unternehmerischer Sicht der Weg einer vollumfänglichen Integration aller Recyclingtechnologien geebnet oder gibt es weitere Hürden?

Es ist uns sehr wichtig, klarzustellen, dass das chemische Kunststoffrecycling in Zukunft nicht das mechanische Recycling verdrängen soll. Es soll in einem komplementären Ansatz vielmehr Stoffströme des Systems berücksichtigen, die aktuell einer thermischen Verwertung zugeführt werden. Deswegen ist es aus meiner Sicht empfehlenswert, dass das Verpackungsgesetz das chemische Kunststoffrecycling als akzeptiertes Recyclingverfahren für gewissen Sortierfraktionen mit aufnimmt. Denn zukünftig kann das chemische Kunststoffrecycling auch über die Verwertung von Stoffströmen aus dem Dualen System ein sinnvollen Beitrag zum Ressourcen- und Klimaschutz leisten. Allerdings in erster Linie dann wenn die gesetzliche Grundlage dafür auch gegeben ist.
Demnach denke ich nicht, dass Stand heute der Weg einer vollumfänglichen Integration aller Recyclingtechnologien bereits geebnet ist. Einige Verfahren leisten vielleicht einen großen Beitrag zur Ressourcenschonung, vernachlässigen aber die Klimaziele und umgekehrt. Eine genaue Prüfung der jeweiligen Technologie mit genauen gesetzlichen Vorgaben könnte hierbei Abhilfe schaffen.

„Wir sehen uns mit der Herausforderung konfrontiert, zukünftig auch der chemischen Industrie Sekundärrohstoffe zur Herstellung von Grundchemikalien zur Verfügung zu stellen. Dies funktioniert nur durch Partnerschaften entlang der gesamten Wertschöpfungskette.“

Welche Rolle spielen aus ihrer Sicht Recyclingunternehmen auf dem Weg zu kreislaufgeführten, treibhausgasneutralen Industrie 2045?

In Zukunft werden Recycling- oder Sekundärrohstoffe immer mehr an Bedeutung gewinnen und somit auch die Aufgaben der REMONDIS-Gruppe. Wir sehen uns mit der Herausforderung konfrontiert, zukünftig auch der chemischen Industrie Sekundärrohstoffe zur Herstellung von Grundchemikalien zur Verfügung zu stellen. Dies funktioniert nur durch Partnerschaften entlang der gesamten Wertschöpfungskette.  Dadurch, dass wir bereits heute Rohstoffe im Kreislauf führen, schonen wir nicht nur Ressourcen, sondern wir tragen auch erheblich dazu bei, CO2-Emissionen einzusparen. Beispielsweise sparen wir auf dem Lippewerk in Lünen – dem größten Recyclingzentrum in Europa – durch die dortigen Aktivitäten in Summe 488.000 Tonnen Kohlendioxid ein.


Zur Person

Jürgen F. Ephan
Geschäftsführer, REMONDIS Recycling GmbH & Co. KG

Jürgen F. Ephan ist seit 2017 Geschäftsführer bei der REMONDIS Recycling GmbH & Co. KG in Lünen. Vor seiner Zeit bei REMONDIS hatte er leitende Funktionen bei verschiedenen Recycling- und Entsorgungsunternehmen inne. Von 2010 bis 2014 führte er die Geschäfte bei der AHE GmbH in Wetter. Zuvor war Ephan Geschäftsführer bei der Sita Süd GmbH in Knittlingen, der Nehlsen AG in Bremen und der LOBBE Deutschland GmbH & Co. in Iserlohn. Ephan hat Bauingenieurwesen in Aachen und Hagen studiert und berufsbegleitend ein Zusatzstudium im Wirtschaftsingenieurwesen absolviert.


1 Vgl. Kunststoffabfälle: in: Umweltbundesamt, 11.01.2021, www.umweltbundesamt.de/daten/ressourcen-abfall/verwertung-entsorgung-ausgewaehlter-abfallarten/kunststoffabfaelle (abgerufen am 01.03.2022).