Drei Fragen an...
Jörg Kubitza, Ørsted

Jörg Kubitza ist Experte im Bereich Offshore-Windenergie, d. h. der Stromerzeugung durch Windanlagen auf dem Meer. Er leitet als Geschäftsführer das Energieunternehmen Ørsted in Deutschland.

Welchen Beitrag kann Ihr Unternehmen zum Markthochlauf von grünem Stahl leisten?

Wir sind ein großer Abnehmer von Stahl, der für unsere Windkraftanlagen elementar ist. Dabei ist die Stahlproduktion allein für etwa 50 % der Gesamtemissionen in unserer Lieferkette verantwortlich. Um nachhaltige und wettbewerbsfähige Wege zur Herstellung von CO2-armen Stahl zu finden, bedarf es erheblicher Innovationen, die eine enge Zusammenarbeit mit den Zulieferern erfordern. Schließlich wollen wir die Produktion in unserer Lieferkette bis 2040 dekarbonisieren. Hier kann ein großer Hebel grüner Wasserstoff sein. Und wir wollen diesen zukünftig mit Strom aus unseren Windparks produzieren. Wir sprechen von der Herstellung von grünem Wasserstoff im industriellen Maßstab, denn nur dann können Kosten gesenkt werden. Der richtige Ausgangspunkt für die Entwicklung der Nachfrage nach grünem Wasserstoff ist u. a. die Stahlindustrie, dort wo die Elektrifizierung aufgrund der Kapazitäten nicht geeignet ist.
Die Offshore-Windenergie hat sich in den letzten zehn Jahren stark weiterentwickelt, hat die Kosten massiv gesenkt und ist längst wettbewerbsfähig. Heute ist die Offshore-Windenergie kaum noch von Subventionen abhängig. Wir haben unsere Erfahrungen nutzen können, Kostentreiber zu minimieren, die Technologie weiterzuentwickeln und Synergien zu nutzen. Diese Chance sehe ich auch in der Zusammenarbeit bei der Herstellung von grünem Wasserstoff, der die grüne Stahlproduktion unterstützen wird.

Was ist aus Ihrer Sicht das größte Hemmnis für die Einführung von grünem Stahl?

Die gute Nachricht vorweg: Ein Großteil unserer Lieferanten teilt unsere Ambitionen, die Herstellung der Komponenten für unsere Projekte zu dekarbonisieren. Bislang haben wir viel positives Feedback erhalten. Die Botschaft ist, dass wir das Problem gemeinsam lösen müssen. Da möchten wir ansetzen. Und zusammen über Lösungen nachdenken und diese vorantreiben. Gesteigerte Materialeffizienz oder Recyclingprozesse werden allein nicht zu grünem Stahl führen. Die Elektrifizierung des Stahlsektors ist auch nicht machbar. Wir sehen daher grünen Wasserstoff als essenziellen Treiber der Dekarbonisierung. Noch befinden wir uns allerdings am Anfang dieser Entwicklung.
Wichtig ist, dass der Markthochlauf von grünem Wasserstoff politisch unterstützt und damit beschleunigt wird. Und Deutschland nicht bereits jetzt den Anschluss verliert. Eine vollständige Dekarbonisierung erfordert eine grundlegende Transformation der Energieerzeugung und Sektorenkopplung. Es bedarf weitaus mehr installierter Erneuerbaren Energien-Kapazität. Die Politik muss heute beginnen, sicherzustellen, dass der Ausbau erneuerbarer Energien dem erwarteten massiven Anstieg der Nachfrage gerecht wird. Davon hängt letztendlich ab, ob Großindustrien, wie der Stahlsektor, auf CO2-freie Herstellung umstellen können.

„Es braucht eine starke, politisch gewollte Unterstützung für die Stahlunternehmen bei ihrer Umstellung hin zu CO2-armen Produktionsverfahren.“

Welches Leitmarktinstrument hilft aus Ihrer Sicht am effektivsten, um Wettbewerbsnachteile und mögliche Abwanderung der produzierenden Unternehmen in Länder mit weniger strengen Emissionsauflagen (Carbon Leakage) zu vermeiden?

Es braucht eine starke, politisch gewollte Unterstützung für die Stahlunternehmen bei ihrer Umstellung hin zu CO2-armen Produktionsverfahren. Wenn wir uns die Umstellung anschauen, nennt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) meines Wissens nach drei Schlüsselentwicklungen, die benötigt werden, um die Stahlherstellung klimaneutral zu gestalten. Das sind erhöhte Materialeffizienz, stärkere Nutzung von Recycling und die Dekarbonisierung durch Innovation, wie Elektrifizierung oder Wasserstoff. Während zu den ersten beiden Punkten Vertreter der Stahlindustrie sicherlich mehr hinsichtlich Wettbewerbsnachteilen sagen können, glaube ich, dass beim Preis für Strom zur Gewinnung von grünem Wasserstoff, die Industrie entlastet werden muss. Zum Beispiel durch eine Befreiung von der EEG-Umlage für Strom, der zur Elektrolyse genutzt wird. Die im Gespräch befindliche Begrenzung der jährlichen Volllaststunden für den umlagebefreiten Betrieb sollte erhöht werden auf mindestens 6.500 bis 7.000 Volllaststunden. Die Transformation muss finanziell gefördert und abgesichert werden.
Wir als Offshore-Windindustrie haben auch Anschubhilfe erhalten, in Form von staatlichen Subventionen. Dadurch haben wir es innerhalb von weniger als 10 Jahren geschafft, Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen und wir mittlerweile mehr als konkurrenzfähig sind. Diesen Push und vor allem die dadurch entstehende Planungssicherheit braucht es auch im Bereich Stahl


Zur Person

Jörg Kubitza
Geschäftsführer | Ørsted Deutschland


Jörg Kubitza ist seit April 2021 Geschäftsführer von Ørsted in Deutschland. Vor seiner Zeit bei Ørsted sammelte Kubitza langjährige Erfahrungen in leitenden Funktionen in der Energiewirtschaft. Zuletzt verantwortete er beim tschechischen Energieversorger CEZ A/S bis Ende 2019 das deutsche Erneuerbaren-Geschäft und war dort auch als Head of Strategy maßgeblich beim Aufbau der Erneuerbaren-Sparte in Deutschland und Frankreich beteiligt. Seine Expertise im Bereich Offshore-Windkraft hat Kubitza insbesondere in seiner Zeit bei Mitsubishi Power Systems und später bei MHI Vestas aufbauen können, wo er u. a. von 2014 bis 2016 den Bereich Strategie und Unternehmensentwicklung verantwortete und die erfolgreiche Expansion in Deutschland und und im Wirtschaftsraum Asien-Pazifik (APAC) unterstützte.