Diskussionspapier „Leitmärkte für klimafreundliche Grundstoffe“
Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen für den Markthochlauf nachhaltiger Industrieprodukte
Herausgeber: Kompetenzzentrum Klimaschutz in energieintensiven Industrien (KEI)
Titel: „Leitmärkte für klimafreundliche Grundstoffe. Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen für den Markthochlauf nachhaltiger Industrieprodukte“
Publikationsform: Diskussionspapier
Autorinnen und Autoren: Ece Oyan, María de la Garza, Baptiste Aguila, Monica Villanueva, Dr. Chiara Iurato (KEI)
Katrin Brunn (ZUG – bis 09/2025)
Frauke Eustermann (Bellona Deutschland)
Benjamin Görlach (Agora Energiewende)
Dr. Jörg Megow (Deutsches Institut für Normung)
Veröffentlichungsdatum: September 2026
Über das Diskussionspapier
Copyright: KEI
„Leitmärkte für klimafreundliche Grundstoffe“ sollen die Nachfrage nach treibhausgasarm hergestellten Materialien steigern und Investitionen in klimafreundliche Technologien vorantreiben. Ziel ist es, gemeinsam mit den Vorreitern einen Markt zu etablieren, in dem emissionsarme Grundstoffe schon heute wirtschaftlich tragfähig sind. So entsteht eine Perspektive für nachhaltige Rentabilität ohne dauerhafte staatliche Förderung. Diese Leitmärkte basieren auf Methoden, die die Nachfrage nach klimafreundlichen Grundstoffen steigern. Daher stärken sie marktwirtschaftliche Strukturen, die die Industrie widerstandsfähiger machen.
Die Veranstaltungsreihe „KEI Podium“ rückte das Thema Leitmärkte in den Mittelpunkt und suchte Antworten auf die Frage: „Wie gelingt der Markthochlauf für nachhaltige Industrieprodukte?“ Dieses Diskussionspapier fasst die wichtigsten Punkte und Erkenntnisse der Fachgespräche zusammen und zeigt konkrete Handlungsoptionen auf.
Im Fokus standen drei Themenblöcke: Standards und Labels, Kostenunterschiede sowie der Einfluss des europäischen Regulationsrahmens. Denn nur wenn Kennzeichnungssysteme vertrauenswürdig, Mehrkosten transparent und nationale Initiativen europäisch eingebettet sind, können Grundstoffmärkte für Klimaschutz wirksam werden.
Kontakt
Ece Oyan
Referentin Think Tank und Strategische Vorhaben
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Zentrale Erkenntnisse
Die Diskussionen zeigen: Labels wie LESS für Stahl oder CCC für Zement geben bereits Orientierung, doch die Landschaft an Kennzeichnungen bleibt fragmentiert. Unterschiedliche Systemgrenzen und Definitionen von „Klimaneutralität“ erschweren die Vergleichbarkeit, vor allem, wenn mehrere Grundstoffe in einem Endprodukt wie einem Auto oder Gebäude zusammenkommen.
Auch die Zahlungsbereitschaft von Industrie und Endverbraucher*innen für klimafreundlich hergestellte Produkte hängt maßgeblich davon ab, wie gut informiert sie sind. Ein Experiment im Rahmen des KEI Podium zeigt, dass Preiseinschätzungen deutlich realistischer ausfallen, wenn Vergleichswerte vorliegen. Fehlt Transparenz über Mehrkosten, etwa bei klimafreundlich gebauten Infrastrukturprojekten, sinkt die Akzeptanz für höhere Preise.
Die öffentliche Beschaffung gilt als zentraler Hebel,2023 berücksichtigten jedoch nur 14 Prozent aller öffentlichen Aufträge Nachhaltigkeitskriterien. Gleichzeitig zeigen Pionierprojekte wie die Hamburger U5, dass klimafreundliche Baustoffe schon heute vergaberechtlich verankert werden können.
Auf EU-Ebene setzen Instrumente wie der Industrial Accelerator Act (IAA), die Ökodesign-Verordnung (ESPR) oder das europäische CO₂-Grenzausgleichssystem (CBAM) die Rahmenbedingungen für Leitmärkte maßgeblich und wirken zugleich auf globale Lieferketten und Drittstaaten.
Handlungsempfehlungen für fünf Ebenen
Copyright: KEI
Das Papier leitet konkrete Empfehlungen für Unternehmen, Bund, Länder und Kommunen, sowie die europäische und globale Ebene ab:
- Unternehmensebene: Industrieverbände sollten sich frühzeitig an der Entwicklung klimabezogener Labels beteiligen, um Mitgestaltungsmöglichkeiten zu nutzen.
- Bundesebene: Standards und Labels müssen zentral koordiniert, Preisprognosen wissenschaftlich fundiert erstellt und das Vergaberecht so angepasst werden, dass klimafreundliche Produkte systematisch priorisiert werden können.
- Landes- und Kommunalebene: Kommunen können Klimakriterien schon heute in Eignungs-, Leistungs- und Zuschlagskriterien verankern und durch interkommunale Zusammenarbeit Skaleneffekte erzielen.
- Europäische Ebene: Ein einheitliches, verpflichtendes EU-Klimalabel, harmonisierte CO₂-Bilanzierungsmethoden und verbindliche Nachhaltigkeitskriterien im Beschaffungswesen sollen Wettbewerbsverzerrungen verhindern.
- Globale Ebene: Das Konzept klimafreundlicher Leitmärkte sollte aktiv in multilaterale Klimaverhandlungen eingebracht und die CO₂-Bilanzierung international harmonisiert werden.
Fazit: Klimafreundliche Grundstoffe werden nur dann marktfähig, wenn Standards, Preistransparenz und öffentliche Nachfrage über alle Handlungsebenen hinweg ineinandergreifen.