Die Europäische Union hat das Ziel einer klimaneutralen Industrie bis spätestens 2050 formuliert. Die energieintensive Grundstoffindustrie spielt dabei eine zentrale Rolle. Hier setzt das Konzept der Interkonnektivität an: Es beschreibt die Vernetzung von Energiesystemen über Sektoren- und Ländergrenzen hinweg. Gemeint sind also nicht nur Stromnetze, sondern auch Wasserstoff- und CO₂-Leitungen. Interkonnektivität sichert den Transport verschiedener Stoff- und Energieträger. Sie bezieht industrielle Cluster in die Infrastrukturplanung ein.
Zugleich stärkt Interkonnektivität die wirtschaftliche, politische und soziale Zusammenarbeit in Europa. Das macht die Industrie widerstandsfähiger. Die Grundstoffindustrie ist auf ein solches transeuropäisches Infrastrukturnetz angewiesen. Nur so kann sie ihre Wirtschaftlichkeit weiter verbessern und ihre Prozesse zugleich dekarbonisieren.
Bislang sind die europäischen Energieinfrastrukturen jedoch nicht ausreichend miteinander verknüpft. Deshalb werden die aktuellen Ausbaupläne den Bedarf bis 2030, 2040 und 2050 voraussichtlich nicht decken.
Flickenteppich Europa: Die Herausforderung, ein gemeinsames Netz zu knüpfen
Bislang gibt es weder ein europaweites Wasserstoff-Pipelinenetz noch ein grenzüberschreitendes CO₂-Transportnetz. Beide müssten erst aufgebaut werden. Dafür wären erhebliche Investitionen nötig, die bisher nicht gesichert sind.
Auch beim Stromnetz reichen die bislang geplanten grenzüberschreitenden Verbindungen, die Interkonnektoren, nicht aus. Sie werden den prognostizierten Bedarf bis 2030 und 2040 voraussichtlich nicht decken. Dabei sollten der Ausbau der erneuerbaren Energien und der Ausbau der Interkonnektoren Hand in Hand gehen.
Die Energienetze werden bisher weitgehend nach Sektoren und Ländern getrennt geplant. Ein gemeinsamer Ansatz, der Strom-, Erdgas-, Wasserstoff- und CO₂-Netze zusammenführt, fehlt. Zudem richtet sich der Netzausbau oft nach nationalen Interessen. Eine abgestimmte europäische Strategie ist selten zu erkennen.
Auch Faktoren wie die öffentliche Akzeptanz und die Berücksichtigung industrieller Cluster bleiben bisher außen vor. Hinzu kommen regulatorische Fragen. So könnte Deutschland etwa den entsprechenden Artikel des London Protokolls zur CO₂-Exportregelung ratifizieren. Das würde die Grundlage für den Bau grenzüberschreitender CO₂-Netze schaffen.
Wenn aus Grenzen Verbindungen werden
- Eine bessere Vernetzung der Energiesysteme hat viele Vorteile:
Sie erhöht die Versorgungssicherheit. - Sie stärkt die europäische Energieresilienz.
- Sie erleichtert die Integration erneuerbarer Energien.
- Sie senkt den Bedarf an neuen Kraftwerken.
- Sie steigert die Flexibilität der Stromversorgung.
Analysen zeigen zudem, dass die wirtschaftlichen Vorteile neuer grenzüberschreitender Verbindungen ihre Investitionskosten mittelfristig übersteigen. Eine europäische Wasserstoffinfrastruktur würde außerdem helfen, Prozesse zu dekarbonisieren, die sich nicht direkt elektrifizieren lassen.
Auch der Aufbau von CO₂-Abscheidungs- und Speichersystemen (CCS) könnte dazu beitragen, unvermeidbare Emissionen aus industriellen Prozessen abzufangen und sicher zu speichern. Hier kann auf das Projekt Equinor verwiesen werden: Es ermöglicht die Speicherung von CO₂ über eine transeuropäische Offshore-Pipeline. So könnten selbst Branchen, die sich nur schwer dekarbonisieren lassen, perspektivisch klimaneutral wirtschaften.
Der große Brückenschlag: Lösungen für Europas Infrastruktur
Mit den transeuropäischen Energienetzen (TEN-E/TEN-V) und grenzüberschreitenden Förderprojekten (PCI, IPCEI) hat die EU bereits Instrumente geschaffen, um den Ausbau länderübergreifender Infrastruktur zu unterstützen.
Künftig muss sie die Planung jedoch stärker verzahnen. Strom-, Erdgas-, Wasserstoff- und CO₂-Netze sollten integriert ausgebaut werden. Laut Bundesnetzagentur sollen 60 Prozent der bestehenden Erdgaspipelines für den Transport von Wasserstoff umgerüstet werden.
Nötig ist eine vorausschauende europäische Infrastrukturplanung, die gezielt in grenzüberschreitende Verbindungen investiert und so die industrielle Dekarbonisierung unterstützt. Zudem sollten industrielle Cluster in die Netzplanung einbezogen werden. So lassen sich Synergien nutzen und Industrieansiedlungen mit dem Netzausbau koordinieren.
Entscheidend ist auch, nationale Strategien besser aufeinander abzustimmen und die öffentliche Akzeptanz durch Transparenz und Beteiligung zu stärken. Nur dann lassen sich die nötigen Projekte zügig umsetzen.
Künftige Forschungsfragen der Interkonnektivität
Bislang ist unklar, ob die industrielle Transformation besser an bestehenden Einzelstandorten oder in neuen, vernetzten Clustern gelingen sollte. Offen ist auch, ob dafür industrielle Standortverlagerungen innerhalb Europas nötig wären, um Abwanderungen ins außereuropäische Ausland zu vermeiden.
Untersucht werden muss außerdem, welche Technologien und Infrastrukturen, etwa H₂-Pipelines, CO₂-Leitungen und Speicher, bis 2045 in welchem Umfang verfügbar sein können. Ziel ist, Standorte und Regionen sektorübergreifend zu vernetzen.
Ebenfalls ungeklärt ist, welche regulatorischen Weichen gestellt werden müssen, um den effizienten Ausbau von Strom-, Wasserstoff- und CO₂-Netzen zu ermöglichen. Forschungsbedarf besteht auch bei ökonomischen Fragen. Dazu zählen etwa Kosten und Nutzen verschiedener Ausbaupfade sowie ihre Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie.
Gemeinsam in die vernetzte Zukunft
In ganz Europa laufen inzwischen zahlreiche Initiativen für eine bessere Interkonnektivität. So betont etwa die EU-Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (ACER), dass die Vielfalt der europäischen Energiesysteme durch enge Vernetzung zu einem echten Vorteil werden kann. Gleichzeitig entwickelt das Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) mit der Systementwicklungsstrategie (SES) ein sektorübergreifendes Leitbild und eine robuste Strategie für die Transformation des Energiesystems. Die SES sorgt dafür, dass die Netzentwicklungspläne für Strom, Gas und Wasserstoff sowie verschiedene Sektorstrategien auf ein klimaneutrales Gesamtsystem ausgerichtet werden.
Auch auf EU-Ebene wird der Ausbau der Stromverbundnetze ambitioniert vorangetrieben. Ein klar definiertes Ziel von mindestens 15 Prozent Strom-Interkonnektivität pro Land bis 2030 weist die Richtung. Dieses gemeinsame Ziel schafft Vertrauen und Verbindlichkeit für die Mitgliedstaaten und fördert Investitionen in grenzüberschreitende Leitungen.
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