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CO₂ aus der Atmosphäre holen: Wie aus neuen Technologien ein Klimainstrument wird

KEI Kompakt

Ein Stapel Zeitungen

KEI Kompakt: „CO₂ aus der Atmosphäre holen: Wie aus neuen Technologien ein Klimainstrument wird“

Herausgeber: Kompetenzzentrum Klimaschutz in energieintensiven Industrien (KEI)
Publikation: KEI Kompakt
Autorin: Dr. Francesca Mirabella, KEI
Veröffentlicht: September 2026

Grafische Vorschau des Dokuments zur Publikation KEI Kompakt CO2-Entnahme

Selbst bei weitgehender Dekarbonisierung bleiben in einigen Bereichen CO₂-Emissionen, die sich technisch kaum oder nur mit hohen Kosten vermeiden lassen. Deshalb gewinnt neben der Emissionsminderung auch die Entfernung von CO₂ aus der Atmosphäre und seine dauerhafte Speicherung an Bedeutung.

Zwei Signale für die CO₂-Entnahme

Anfang Juli eröffnete das Berliner Unternehmen Ucaneo in Berlin-Marzahn eine Direct-Air-Capture-Anlage mit einer Nennkapazität von 150 Tonnen CO₂ pro Jahr. Zwei Wochen später legte die Europäische Kommission ihren Entwurf zur Weiterentwicklung des europäischen Emissionshandels (EU-ETS) vor, der auch die Einbeziehung permanenter CO₂-Entnahmen vorsieht. Beide Ereignisse zeigen, dass CO₂-Entnahmen in der europäischen Klima- und Industriepolitik an Bedeutung gewinnen. Zugleich stellt sich die Frage: Wie lässt sich sicherstellen, dass dauerhaft gespeicherte CO₂-Entnahmen nachweislich eine positive Klimawirkung entfalten?

Das CRCF: ein erster europäischer Zertifizierungsrahmen

Einen zentralen Rahmen für die Zertifizierung und Qualitätsbewertung solcher CO₂‑Entnahmen bildet das Carbon Removal Certification Framework (CRCF). Darin legte die Europäische Kommission erste Zertifizierungsmethoden für permanente CO₂-Entnahmen fest. Dazu zählen Direct Air Capture mit Speicherung (DACCS), die Abscheidung und Speicherung biogener Emissionen (BioCCS) sowie Pflanzenkohle.

Ohne Verlässlichkeit kein Hochlauf

Für einen wirksamen Hochlauf neuer CO₂-Entnahmeverfahren reichen technische Innovationen allein nicht aus. Unternehmen, Investoren und öffentliche Akteure brauchen Orientierung und Verlässlichkeit. Welche Entnahmen sind nachweislich klimawirksam? Welche Daten und Indikatoren sind nötig? Wer trägt langfristig Verantwortung? Das CRCF schafft erstmals einen europäischen Rahmen für die einheitliche Bewertung von Quantifizierung, Langzeitspeicherung und Nachhaltigkeitsaspekten.

Entscheidend ist außerdem, ob die neuen Methoden Vertrauen in die nachgewiesene Klimawirkung, die Verlässlichkeit der Zertifizierung und die künftige Anerkennung im EU-ETS schaffen. Wenn zertifizierte Entnahmen künftig die öffentliche Beschaffung, Förderinstrumente oder langfristige Investitionen beeinflussen, entscheidet die Qualität der Regeln unmittelbar über die Glaubwürdigkeit des Systems. Zertifikate müssen belegen, dass CO₂ aus der Atmosphäre entnommen und nach den Anforderungen des jeweiligen Verfahrens klimawirksam gebunden oder gespeichert wurde.

Klimawirkung ist keine Selbstverständlichkeit

Die Klimawirkung der einzelnen Methoden hängt allerdings von unterschiedlichen Faktoren ab. Beim DACCS sind vor allem Strom- und Energiebedarf, Prozess-Emissionen und die Dauerhaftigkeit der Speicherung entscheidend. Damit diese Faktoren die Klimawirkung der CO₂‑Entnahme nicht hemmen, berücksichtigt das CRCF sie bereits. Es bilanziert nur Netto-Entnahmen, verlangt Vorsorge gegen eine spätere Freisetzung und legt klare Regeln für temporäre Entnahmen fest. So geht das CRCF mit solchen möglichen Risiken um.

Auch für BioCCS und Pflanzenkohle verlangt das CRCF, Biomasseherkunft und -einsatz, Prozess-Emissionen, Landnutzungsfolgen, Methanemissionen und die Dauerhaftigkeit der Bindung zu berücksichtigen. Diese vollständige Betrachtung über den Lebenszyklus soll sicherstellen, dass die CO₂-Entnahme netto zusätzlich und klimawirksam ist.

Die Verfahren stehen jedoch in unterschiedlichen Entwicklungs- und Marktphasen. Deshalb brauchen sie einen noch belastbaren Rahmen. Das CRCF definiert den Rahmen bereits und adressiert Risiken. Nötig wäre aber mehr Klarheit zu transparenten Systemgrenzen, zum Monitoring sowie zu Regelungen für Leckagen und langfristige Speicherverantwortung. Nur so lässt sich die positive Klimawirkung sichern. Hohe Standards hemmen die Innovation nicht, sondern schaffen Verlässlichkeit für Investitionen in Abscheidungs-, Transport- und Speicherinfrastruktur.

Das CRCF als Brücke

CO₂‑Entnahmen können einen Beitrag zur Bewältigung vermeidbarer Restemissionen leisten, dürfen jedoch die Minderung fossiler Emissionen nicht ersetzen oder verzögern. Die Weiterentwicklung des EU-ETS sollte deshalb zweierlei leisten: Sie sollte eine verlässliche Nachfrage nach dauerhaft gespeicherten, nachweisbar klimawirksamen CO₂-Entnahmen schaffen und sie sollte den Vorrang direkter Emissionsminderungen sichern.

Ucaneos Anlage steht für technologischen Aufbruch. Die ETS-Reform zeigt, dass nun auch politische Weichen gestellt werden. Das CRCF kann die Brücke zwischen beidem schlagen – wenn Zertifizierung nicht nur neue Märkte eröffnet, sondern Orientierung, Verlässlichkeit und eine nachweisbare Klimawirkung bietet.